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  02-07-2002:
Kimble und Konsorten 2 - Christoph Kastius

In letzter Zeit ist mir eine neue Medienlegende bei verschiedenen Gelegenheiten ins Auge gefallen: Christoph Kastius. Der Berliner versteht es immer wieder, mit seinen Geschichten in die breite Öffentlichkeit zu gelangen. Dabei nimmt er es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau, teilweise werden ihm auch tolle Sachen angedichtet. Die Parallelen zu Kimble waren teilweise verblüffend - so gründeten beide angeblich eine Hackertruppe gegen böse Menschen und beide betreiben reichlich Medienschelte, wenn die Zeitungen mal nicht nett über sie schreiben. Dazu kommt ein auffälliger Hang zu Flash-Animationen.

Das Licht der Öffentlichkeit

"Liebe Mel. In der Öffentlichkeit zu stehen, ist echter Mist. Ich weiss nun, wie Du dich gefühlt hast. Wir sehen uns Engelchen."

Mit diesem rührenden Eintrag verewigt sich Christoph Kastius in dem Gästebuch der Melanie-Thornton-Kondolenzseite. Das Kuriosum: Es ist das eigene Gästebuch, in dem Kastius seine Botschaft ins Jenseits platziert. Und das Licht der Öffentlichkeit sucht der Berliner seit langem. Ständig hat Kastius ein neues Projekt am Laufen. Mal ist er Sprecher für die Studentenproteste in Berlin, dann initiiert er für das deutsche Volk einen Konsumboykott.

Die Handschrift ist immer gleich: Ein Thema erscheint groß in der Öffentlichkeit und wird auf absehbare Zeit in den Medien bleiben. Kurze Zeit später erscheint eine neue Webseite mit einem Flash-Intro, das aus zusammengestückelten Einzelbildern besteht, während im Hintergrund ein Song aus den Charts ertönt. Es folgen viele knackige Sprüche und Kontaktadressen für Medienanfragen - Inhalt haben die Seiten meist wenig zu bieten. Mitarbeiter werden angeworben und bald wieder abserviert.


Vorgeschichte

Wenn man im Usenet recherchiert, wird man auf die erste Karriere von Kastius als Spammer aufmerksam. In Newsgroups findet man viele Beschwerden über den damals Jugendlichen, weil er massenhaft Spam versandte und sich auch nicht einsichtig zeigte, dass das andere stört. 1997 gab er sich als Journalist beziehungsweise Radioredakteur des Senders "Radio Weekend" aus. Auf Nachfrage gab er an, dass dies eine Sendung gewesen sei, die im Offenen Kanal Berlin gesendet wurde. Zwischendurch landete Kastius in der Boulevardzeitung B.Z. weil er sich als Katastrophenhelfer mit Typhus infiziert habe und trotzdem die Internationale Funkausstellung aufgesucht habe, um für sein Radio Weekend Interviews zu führen. Normalerweise werden Typhuspatienten sofort unter Quarantäne gestellt, da diese Krankheit höchst gefährlich ist. Auf Nachfrage gibt Kastius an, dass er gar nicht über den Typhusverdacht informiert worden sei. Es sei zudem eine Fehldiagnose gewesen.

Dann ein Achtungs-Erfolg. Kastius gründete die Webseite Suchhotline.org, deren Aufgabe die Zusammenführung von Flüchtlingen und Opfern von Naturkatastrophen war. Durchgängig gab es positive Berichterstattung, sogar die Tagesthemen und der Nachrichtensender n-tv nahmen sich des Themas an. Doch das Projekt droht zu scheitern. Kastius kann die Telefonrechnung für seine Aktion nicht bezahlen. Aus Verzweiflung marschiert er mit einer Schreckschusspistole in ein Studio des Senders n-tv und fordert den Erlass der Schulden. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei beendete das Schauspiel. Kastius kam glimpflich davon.

Die Seite der Suchhotline gibt es auch heute noch - der Sinn des Ganzen erschließt sich dem Unbeteiligten nicht. Zentraler Bestandteil ist eine Datenbank mit über 10000 Einträgen. Darin finden sich zum Beispiel die Vermissten des Anschlags auf das World Trade Center vom September 2001. Dabei ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Bürger der USA auf einer deutschen Seite auf die Suche nach Vermissten begeben, über deren Verbleib sie vor Ort wohl besser informiert werden. Einmal eingegeben scheinen die Datensätze auch nicht mehr angetastet zu werden: noch über zwei Jahre nach dem Anschlag von New York sind die Listen unverändert.

Der Hacker mit Ethik

Am 26. April erschoss ein Schüler in dem Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst. Die Bestürzung in Deutschland war riesig und die Medien berichteten wochenlang über dieses Ereignis. Kurz nach der Tat erschien eine Webseite im Netz, die angeblich von dem Amokläufer erstellt wurde. Eine ziemlich billige Fälschung, wie jeder versierte Internet-Nutzer in einer Minute erkannte. Trotzdem sprangen einige Medien darauf an. Das auf der Seite angegebene Datum wies darauf hin, dass die Seite noch nach dem Tod des Täters verändert wurde. Doch anstatt die Seite als offensichtliche Fälschung zu behandeln, fragten einige Journalisten und auch die Polizei nach dem Mittäter, der die Seite nach der Tat noch ergänzt habe.

Wiederum kurze Zeit später war die Seite verschwunden. An Stelle der angeblichen Seite des Täters sah man den Hinweis, dass die Seite von einem "Hacker mit Ethik" gehackt worden sei. Dazu ein Link auf die Homepage des "Hackers": die Suchhotline von Christoph Kastius. Sofort stürzten sich die Medien auf den vermeintlichen Wohltäter und berichteten ausgiebig über den Hack.

Die Sache hat einen Schönheitsfehler. Christoph Kastius hat die Fakeseite nicht gehackt. Wie er später selbst einräumte, war die Seite bereits entfernt. Stattdessen war dort nur noch eine Entschuldigung der Faker zu finden. Kastius löschte nach eigenen Angaben diese Entschuldigung und platzierte stattdessen seine Eigenwerbung. Heute ist unter der Internetadresse nur noch eine Umleitung auf die Seite der Suchhotline zu finden. In den folgenden Wochen baute er die Seite zu einer Art "Erfurt-Trauer-Zentrale" aus, die sich zwischen triefender Trauer und absoluter Geschmacklosigkeit bewegte. Kastius hatte keinerlei Bezug zu den Ereignissen in Erfurt, gerierte sich jedoch als Anwalt der Hinterbliebenen.

Aus der Internet-Community gab es Vermutungen, dass Kastius selbst der Faker sei. Ich teile diese Auffassung nicht. Zwar war die Rechtschreibung genau so mangelhaft wie auf den Seiten von Kastius, allerdings war der Quelltext der Seite komplett anders aufgebaut. Zudem spricht die gelöschte Entschuldigung dafür, dass andere beteiligt waren.

Auf der Medienwelle schwimmend hatte Kastius noch eine PR-Idee. Er kündigte die Gründung einer Gruppe "HaCkEn gEgEn GeWaLt" an, die von Nazis bis Al Quaida so ziemlich jeden Bösewicht online bekämpfen sollte. Lesern der Kimble-Doku werden Parallelen zu Kimbles Anti-Terror-Truppe Yihat ziehen. Und sie haben recht. Auch diese Gruppe brachte nichts zu Stande - wohl nicht einmal die eigene Gründung. Einen "Hack" hat Kastius als "Hacker mit Ethik" noch begangen. Auf der ganz und gar nicht gewalttätigen Seite musikraetsel.ch hinterließ er eine Botschaft. Damit hat er sich gerade mal so als "Scriptkiddie" qualifiziert - von Ethik wollen wir gar nicht reden.

Ein Mann gegen den Teuro

Deutschland im Mai 2002. Deutschland wird von einer bespiellosen Teuro-Kampagne überzogen. Die BILD-Zeitung ernennt einen "Teuro-Sheriff", der in den Kampf gegen vermeintliche und echte Preistreiber zieht. Das Teuro-Fieber greift in den Medien um sich. Jedes drittklassige Boulevardmagazin schickt einen Reporter auf den Gemüsemarkt, um dort die gestiegenen Gemüsepreise zu inspizieren. Auch in der Politik stößt die Kampagne auf Resonanz: Finanzminister Eichel ruft dazu auf, Euro-Abzocker zu meiden und Verbraucherministerin Künast setzt einen ergebnislosen Teuro-Gipfel an. Die BILD-Zeitung scheffelt als vermeintliches Verbraucherorgan Gewinne aus Anzeigen, in denen große Firmen Preisnachlässe versprechen.

Das Szenario war wie geschaffen für eine neue Kastius-Aktion. Er erinnerte sich an seine alte Karriere als Spam-Versender und schickte eine anonyme Mail mit einem Aufruf zum Kaufstreik am 1. Juli los. Als der Kettenbrief oft weitergeleitet wurde und die ersten Medienberichte erschienen, outete sich Kastius und meldete die Domain kaufstreik.de an. Dort erschien wie üblich ein Flash-Intro und eine PHP-basierte Seite.

Um kurz auf die Sinnhaftigkeit der Aktion zu verweisen: sie hatte gar keinen. Der Initiator agierte mit frei erfundenen Zahlen und malte sich eine malerische Beteiligung von 80 Millionen Deutschen aus. Dass die Mehrzahl der Deutschen immer noch keine EMails liest, störte ihn nicht. In dem Aufruf ging es um einen generellen Boykott aller Geschäfte, um - wem eigentlich? - zu zeigen, dass sich die Konsumenten wehren. Dass die Inflationsrate zu der Zeit besonders niedrig war, liess Kastius nicht gelten. Kritische Berichte wurden wieder als Hetze und Propaganda bezeichnet. Der Protest hatte keinerlei langfristigen Ziele außer einem diffusen Signal, das er aussenden sollte.

Am Vortag der Aktion präsentierte Kastius noch gnadenlose Selbstüberschätzung. 80 bis 90 Prozent der Deutschen Bevölkerung würden sich am Kaufstreik beteiligen, der DAX würde abstürzen und ganz Deutschland erschüttert werden. Den angekündigten Hungerstreik vor dem KaDeWe sagte er wegen angeblicher Drohungen von Nazis ab. Doch als er dann am Montag mit Journalisten vor dem KaDeWe stand, war von einem Kaufstreik nichts zu sehen. Einigen Käufern soll Kastius ein klägliches "Streikbrecher" nachgerufen haben - doch die Realität sah anders aus. Das Volk, als dessen Vorkämpfer sich Kastius sah, hatte gar nichts von dem Kaufstreik gehört. Und selbst die verschwindende Minderheit, die davon gehört hatte, sah sich nicht zu irgendwelchen Aktivitäten veranlasst. Nach einem Bericht der taz hatte sich Kastius auf Fernsehumfragen zum Beispiel bei SAT1 verlassen. Dass diese Umfragen keinesfalls repräsentativ sind ist eine Lektion, die man in der heutigen Medienwelt durchaus lernen sollte.

Immerhin - noch am 1. Juli gestand Kastius seine verheerende Niederlage ein. Der Kaufboykott war eine nachprüfbare Pleite - überall strömten die Leute in die Geschäfte. Der angekündigte Börsencrash blieb aus. Und selbst die Medien ließen Kastius fallen, die FAZ veröffentlichte sogar noch einmal die Vorgeschichte des Medienaktivisten Kastius. Fazit: "Seine Medienkarriere ist um ein glanzvolles Kapitel reicher. Dass die Leute trotzdem kauften, muss ihn nicht weiter stören."

Dieses Fazit muss Kastius gelesen haben, denn am 2. Juli verschwand das Eingeständnis wieder und die Aktion wurde plötzlich zum Erfolg umgedeutet. "Nahziele" wurden angeblich erreicht. Dass die Nahziele vorher unbekannt waren, kann da nur wenig überraschen. Bei der nächsten medienwirksamen Aktion werden schließlich wieder Journalisten auf der Seite nachlesen, wie erfolgreich die erste Aktion war.

In einem neuen Statement wurde die Gründung der "Autarken Verbraucher-Schützer" angekündigt. Lustigerweise rühmen sich die Verbraucherschützer, eine Datei mit 2,5 Millionen Adressen zu besitzen. Da die Adressen nicht selbst über ein Opt-In-Verfahren eingesammelt wurden, dürfte es sich um eine Spam-Datei handeln, wie man sie zum Beispiel über Ebay ersteigern kann. Diese Dateien dienen gewöhnlich dazu, unerwünschte Werbemails massenweise zu verbreiten. Echte Verbraucherschützer würden solche Dateien wohl kaum nutzen.

29.04.2002 Telepolis: Homepage des Erfurter Amokschützen
08.05.2002 Telepolis: Die FAZ und die Trittbrettfahrer
01.07.2002 taz: Der Euro bleibt gut im Geschäft
01.07.2002 FAZ: Ein Mann gegen den „Teuro“

Nachtrag

Mich erreichten noch einige Emails in Sachen Kastius. Zum einen gibt es eine weitere wohlmeinende Seite, die von dem "Hacker mit Ethik" betrieben wird: kindersex.de. Im wesentlichen brüstet er sich dort der Tatsache, dass er einem 16jährigen die Polizei auf den Hals geschickt hat. Außerdem berichtete er von einer Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden. Die waren jedoch davon absolut nicht begeistert und die Hinweise mussten wieder verschwinden.

Zum anderen hat mich eine Mail von Kastius selbst erreicht, die ich hier unkommentiert wiedergebe. Ach ja: ich hab keine Ahnung, auf welchen "Eintrag" sich diese Mail beziehen soll.
Subject: Dein Eintrag

Hör mal zu Du Wicht. Wenn Du weiter rumnervst, bekommst Du eine Anzeige wegen Störung der humanitären Hilfe. Ich würde an Deiner Stelle jetzt ganz genau aufpassen was Du macht. Einige CDU Politiker aus Brandenburg stehen in dieser Aktion voll hinter mir. Dass könnte für Dich harte Konsequenzen zu folge haben.


Die Vorbereitung zu einem zweiten Kaufstreik Anfang September 2001 nahm immer skurillere Züge an. Dutzendfach versandte Kastius Newsletter mit immer wirreren Argumenten und Behauptungen. Mitte August wurde die Aktion wegen des Oderhochwassers abgesagt, eine Woche vor dem geplanten Termin plötzlich wieder angesagt. Mal verbreitete er die Aufforderung, gar nicht zu wählen, dann wieder sollte der kluge Wähler Außenseiterparteien wählen. Das Volk sollte die Medien boykottieren und Radio hören. Der neue Kaufstreik sollte gleich ganze drei Tage lang dauern und sich gegen Gott und die Welt richten. Die Pläne ernteten offenbar nicht den erwarteten Widerhall, die Mails wurden immer aggressiver.

So konnte es auch nicht überraschen, dass die angesetzte Demonstration vor dem Einzelhandelsverband in Berlin nicht stattfand. Nach eigenen Angaben tauchte nicht mal der Initiator selbst auf:

Betreff: Stellungnahme wegen der Demo

Ich möchte jetzt mal die Gelegenheit nutzen und Ihnen sagen, warum ich heute nicht zur Demo erschienen bin. So wie manch anderer es auch nicht getan hat. Ich bin einfach nicht hingegangen, aus Protest den Ignoranten Bürgern gegenüber. So, und nun leckt mich mal kreuzweise am Arsch.


Screenshot Fuck Kastius
Passenderweise wurde zwischenzeitlich auch die Homepage der Aktion kaufstreik.de umgewandelt, wie obenstehender Screenshot zeigt.

Angeblich waren die letzten Entwicklungen auf kaufstreik.de das Werk eines bösen Hackers. Mein Urteil: wenig wahrscheinlich. Welcher Defacer versendet schon Newsletter, lässt die Page dabei aber fast unberührt, um sie dann gleich zwei Mal zu ersetzen? Und wer hat mal eben ein Foto des Homepagebetreibers zur Hand, wo dieser passenderweise den Stinkefinger zeigt? Zudem haben die Beschimpfungen schon einige Tage zuvor angefangen. Ende des Jahres stand die Domain dann zum Verkauf, um kurz danach wieder mit neuen wirren Ankündigungen bestückt zu werden.

Im Jahr 2002 hat Kastius nach meiner Zählung fünf Volksaufstände und Massendemonstrationen angekündigt, die niemals stattfanden. Darunter war auch ein Phantom-Kaufstreik in Irland - peinlicherweise beherrscht Kastius die englische Sprache nicht. Zweimal rief er gar zur Stürmung des Kanzleramtes auf.

 
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